Was gedenken wir am Karfreitag?
Am Karfreitag gedenken Christinnen und Christen des Leidens und Sterbens Jesu. Es ist kein Festtag im freudigen Sinn, sondern ein stiller, ernster Gedenktag — der Tiefpunkt des Kirchenjahres, bevor an Ostern die Auferstehung gefeiert wird.
Die Evangelien berichten, wie Jesus nach dem letzten Abendmahl am Gründonnerstag verhaftet, vor dem Hohen Rat und Pontius Pilatus verhört und schliesslich auf dem Hügel Golgatha gekreuzigt wurde. Der Überlieferung nach starb er um die neunte Stunde — nach heutiger Zeitrechnung um 15 Uhr.
Der Name «Karfreitag» leitet sich vom althochdeutschen «kara» ab, das Klage oder Trauer bedeutet. Im Französischen heisst er «Vendredi Saint» (Heiliger Freitag), im Italienischen «Venerdì Santo», und in manchen Teilen der Schweiz auch «Stiller Freitag» oder «Hoher Freitag».
Woher kommt der Feiertag?
Karfreitag wird seit der frühen Kirche als besonderer Tag begangen — Hinweise auf Fasten und Busse am Freitag vor Ostern gibt es bereits seit dem 2. Jahrhundert. Damit ist er einer der ältesten christlichen Gedenktage überhaupt.
In der Schweiz ist die Geschichte allerdings überraschend: Karfreitag hat hierzulande erst seit etwa 1860 seine heutige breite Bedeutung. Davor stand der Gründonnerstag stärker im Zentrum der Karwoche. Dass Karfreitag heute in fast allen Kantonen ein gesetzlicher Feiertag ist, hat auch damit zu tun, dass er in der reformierten Tradition einen besonders hohen Stellenwert bekam — als protestantisches Gegenstück zu den vielen katholischen Heiligenfesten.
In welchen Kantonen ist Karfreitag frei?
In fast allen. Nur zwei Kantone machen eine Ausnahme:
Gesetzlicher Feiertag (24 Kantone)
Kein gesetzlicher Feiertag (2 Kantone)
Warum ausgerechnet diese beiden? Tessin und Wallis sind die am stärksten katholisch geprägten Kantone der Schweiz. Karfreitag hat historisch stärker reformierte Wurzeln und wurde dort nie als gesetzlicher Feiertag eingeführt. Stattdessen haben beide Kantone eine Reihe katholischer Feiertage — wie Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt und Mariä Empfängnis — die in vielen reformierten Kantonen fehlen.
Im Tessin sind am Karfreitag dennoch viele Banken und Ämter geschlossen. Das Kantonsparlament debattierte eine Einführung als Feiertag, lehnte sie aber ab.
Wie wird Karfreitag in der Schweiz begangen?
Karfreitag ist ein stiller Tag. In den meisten Kantonen gilt ein «Tanzverbot» — Veranstaltungen wie Konzerte, Sportevents und Tanzanlässe sind eingeschränkt oder untersagt. Gottesdienste stehen im Zentrum, insbesondere Passionslesungen und Passionsmusik.
Mendrisio: Die grosse Prozession im Tessin
Die eindrücklichste Karfreitagstradition der Schweiz findet ausgerechnet in einem Kanton statt, wo Karfreitag kein Feiertag ist: In Mendrisio im Tessin ziehen rund 700 Laienschauspieler durch die Altstadt und stellen die Grablegung Jesu dar. Die Prozession gehört zu den bedeutendsten Passionsspielen Europas und zieht jedes Jahr Tausende Besucherinnen und Besucher an.
Pleureuses in Romont
In Romont im Kanton Freiburg findet am Karfreitag die Prozession der «Pleureuses» statt — ein Brauch, der bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Frauen in schwarzen Gewändern tragen die Marterwerkzeuge Jesu und ein Schweisstuch der heiligen Veronika durch die mittelalterliche Altstadt. Es ist einer der berührendsten religiösen Bräuche der Westschweiz.
Fisch statt Fleisch
Traditionell wird am Karfreitag gefastet oder zumindest auf Fleisch und Alkohol verzichtet. Auf vielen Schweizer Tischen steht stattdessen Fisch. Restaurants bieten spezielle Karfreitagsmenüs an.
Wussten Sie schon?
Es hat sich ein typisch schweizerischer Brauch eingebürgert, der wenig mit Religion zu tun hat: Am Karfreitag fahren Deutschschweizer ins Wallis oder ins Tessin, um dort die Ostereinkäufe zu erledigen — weil die Geschäfte in diesen beiden Kantonen normal geöffnet sind. Dass im Mendrisio gleichzeitig eine der eindrücklichsten Passionsprozessionen Europas stattfindet, macht die Sache noch etwas absurder.
Karfreitag gehört zusammen mit dem 1. August und Karfreitag zu den Feiertagen im SBB/Post/Bundesverwaltungs-Standardkatalog — er wird dort schweizweit gewährt, also auch für Mitarbeitende im Tessin und Wallis.