Was feiern wir am Stephanstag?
Der Stephanstag erinnert an den heiligen Stephanus, den ersten Märtyrer der Christenheit. Die Apostelgeschichte schildert ihn als Diakon der jungen Gemeinde in Jerusalem — einen Mann «voll Glaubens und erfüllt vom Heiligen Geist», der wegen seiner Verkündigung angeklagt, vor den Hohen Rat gestellt und schliesslich gesteinigt wurde. Der Überlieferung nach vergab er sterbend seinen Anklägern.
Die Platzierung unmittelbar nach Weihnachten ist kein Zufall. Liturgisch setzt die Kirche damit ein starkes Signal: Auf die Freude über die Geburt Christi folgt sofort das Gedenken an jemanden, der für seinen Glauben starb. Geburt und Tod, Freude und Ernst — sie liegen in der christlichen Erzählung nah beieinander.
Im Alltag wird der 26. Dezember allerdings kaum als Märtyrergedenktag wahrgenommen. Für die meisten ist er schlicht der «zweite Weihnachtstag» — ein Tag für Familienbesuche, Resteverwertung und die Frage, ob man das letzte Stück Lebkuchen noch essen sollte.
Zweiter Weihnachtstag oder Stephanstag?
Beides ist gebräuchlich, aber die Bedeutung ist unterschiedlich. In Deutschland heisst der Tag offiziell «Zweiter Weihnachtsfeiertag» — er wird als Fortsetzung von Weihnachten verstanden. In der Schweiz hat sich der Name «Stephanstag» gehalten, was kirchlich präziser ist: Der 26. Dezember ist eben nicht die Fortsetzung von Weihnachten, sondern ein eigenständiger Gedenktag innerhalb der Weihnachtszeit.
Im Tessin heisst er «Santo Stefano» und hat dort eine besonders starke Tradition. In der Romandie ist der Tag unter «lendemain de Noël» bekannt — allerdings in den meisten Westschweizer Kantonen kein Feiertag.
In welchen Kantonen ist der Stephanstag frei?
Der Stephanstag zeigt ein klares Muster: Die Deutschschweiz und das Tessin feiern ihn, die Romandie grösstenteils nicht.
Gesetzlicher Feiertag (17 Kantone)
Kein gesetzlicher Feiertag (9 Kantone)
Auffällig: Das Muster folgt weniger der konfessionellen als der sprachlichen Grenze. Katholische Innerschweizer Kantone wie Nidwalden, Obwalden und Zug haben keinen Stephanstag, obwohl er ein katholischer Gedenktag ist. Dafür feiern ihn die reformierten Kantone Zürich und Bern. Der Stephanstag ist in der Deutschschweiz offenbar stärker als «zweiter Weihnachtstag» verankert als aus religiösen Gründen.
Für Unternehmen mit gesamtschweizerischer Tätigkeit ist der Stephanstag kein Problem: Post, SBB und Bundesverwaltung führen ihn als einen ihrer neun standardmässigen Feiertage — unabhängig davon, ob der jeweilige Standortkanton ihn anerkennt.
Wie wird der Stephanstag gefeiert?
In der Praxis ist der 26. Dezember ein ruhiger Familientag. Wer am Heiligabend bei der einen Familie war, besucht am Stephanstag typischerweise die andere. Das Weihnachtsgebäck, das an den Vortagen noch nicht aufgegessen wurde, kommt jetzt auf den Tisch.
Kirchlich gibt es am Stephanstag Gottesdienste mit dem Schwerpunkt auf der Stephanus-Erzählung. In Darstellungen wird Stephanus traditionell mit Steinen (als Symbol der Steinigung) oder einem Palmzweig (als Symbol des Martyriums) gezeigt.
Im Tessin hat «Santo Stefano» eine besonders lange Tradition und wird dort nicht nur als Anhängsel von Weihnachten, sondern als eigenständiger Feiertag wahrgenommen.
Wussten Sie schon?
In Grossbritannien heisst der 26. Dezember «Boxing Day» — ein Tag, an dem traditionell Geschenke an Bedienstete und Arme verteilt wurden. In der Schweiz hat sich diese Tradition nie durchgesetzt, aber das Konzept erlebt im Onlinehandel ein Comeback: Viele Schweizer Shops veranstalten am 26. Dezember Sales nach britischem Vorbild.
Der Kanton Aargau hatte bis 2007 eine kuriose Sonderregel: Der Stephanstag war dort nur dann ein Feiertag, wenn er nicht auf einen Dienstag fiel. Diese Regelung wurde inzwischen abgeschafft.