Was feiern wir am Berchtoldstag?
Kurze Antwort: Niemand weiss es so genau — und genau das macht den Berchtoldstag so typisch schweizerisch.
Der Berchtoldstag ist kein grosses Kirchenfest, kein Heiligengedenktag und kein historisches Datum. Er ist schlicht ein traditioneller Nachfeiertag zum Jahresbeginn — ein zweiter freier Tag nach Neujahr, an dem man sich erholt, Besuche macht und in manchen Regionen sehr spezifische Bräuche pflegt. In der reformierten Schweiz etablierte er sich als geselliger Feiertag mit Essen, Spielen und Vereinsanlässen.
In der Mundart heisst er «Bächtelistag», «Berchtelistag», «Bertelistag» oder «Bärzelistag» — je nach Region. In Glarus kennt man ihn auch als «Nachneujahr», was wohl die ehrlichste Beschreibung ist.
Wer war der heilige Berchtold?
Niemand — es gibt keinen Heiligen Berchtold im Kirchenkalender. Das ist eine der hartnäckigsten Verwechslungen rund um Schweizer Feiertage.
Die wahrscheinlichste Erklärung für den Namen kommt aus der Sprachgeschichte: Das mittelhochdeutsche Wort «bercht» bedeutet «leuchtend» oder «glänzend». «Berchttag» oder «Berchteltag» waren im Mittelalter Bezeichnungen für das Fest der Epiphanie — die Erscheinung des Herrn, also den Dreikönigstag am 6. Januar. Über die Jahrhunderte verschob sich das Datum auf den 2. Januar, und aus dem alten Wort wurde volkstümlich «Berchtold» — ein Name, der nach einer Person klingt, aber keine ist.
Andere Erklärungsansätze verweisen auf die Sagengestalt Perchta/Berchta aus dem Alpenraum oder leiten den Namen von «berchtelen» ab — verkleidet umherziehen und Gaben verlangen. Keine dieser Herleitungen gilt als sicher bewiesen.
Warum ist der Berchtoldstag ein reformierter Feiertag?
Hier zeigt sich ein klares konfessionelles Muster: Der Berchtoldstag ist vor allem in der reformierten Schweiz verbreitet. In katholisch geprägten Kantonen blieb stattdessen der Dreikönigstag am 6. Januar zentral.
Die Erklärung liegt in der Reformation: Als reformierte Gebiete viele katholische Heiligenfeste abschafften, blieb der Berchtoldstag als weltlich-geselliger Neujahrstag bestehen — eine Art Ersatz für die kirchlichen Feiern, die weggefallen waren. In der katholischen Schweiz brauchte man diesen Ersatz nicht, weil der Dreikönigstag weiterhin gefeiert wurde.
In welchen Kantonen ist der Berchtoldstag frei?
Der Berchtoldstag ist der vielleicht unübersichtlichste Feiertag der Schweiz. Wie bei Pfingstmontag gibt es mehrere Abstufungen:
Gesetzlicher Feiertag (ca. 6 Kantone)
In diesen Kantonen ist der 2. Januar formell den Sonntagen gleichgestellt oder als gesetzlicher Feiertag anerkannt:
Kein gesetzlicher Feiertag, aber de facto Arbeitsruhe
In diesen Kantonen ist der Berchtoldstag formal kein gesetzlicher Feiertag — in der Praxis sind Verwaltungen, Schulen und die meisten Betriebe aber geschlossen:
Kein Feiertag / normaler Arbeitstag
In den übrigen Kantonen — vor allem in der katholischen Innerschweiz, der Ostschweiz und im Tessin — ist der 2. Januar ein normaler Arbeitstag:
Der Fall Zürich ist besonders kurios: Der Kanton Zürich weist ausdrücklich darauf hin, dass der Berchtoldstag dort kein gesetzlicher Feiertag ist. Ein Anspruch auf bezahlten freien Tag besteht nur, wenn dies vertraglich vereinbart wurde. Trotzdem haben fast alle frei, die VBZ fahren nach Feiertagsfahrplan, und die Stadt wirkt wie ausgestorben. De facto ist der 2. Januar in Zürich einer der ruhigsten Tage des Jahres.
Post, SBB und Bundesverwaltung haben das Problem pragmatisch gelöst: Der Berchtoldstag gehört dort zu den neun standardmässigen Feiertagen — schweizweit, unabhängig vom Standortkanton.
Nicht immer am 2. Januar
Noch eine Besonderheit: Der Berchtoldstag hat nicht überall dasselbe Datum.
In Graubünden wird er am 5. Januar gefeiert — dort unter dem rätoromanischen Namen «Firà da Bumaun». In Frauenfeld (Kanton Thurgau) fällt er traditionell auf den dritten Montag im Januar. In Luzern hält die Zunft zu Safran ihr «Bärteliessen» ebenfalls Mitte Januar ab. Und im Kanton Bern wird der Berchtoldstag auf den 3. Januar verschoben, wenn der 2. auf einen Sonntag fällt.
Brauchtum am Berchtoldstag
Bächtelistag und Neujahrsblätter in Zürich
In Zürich ist der 2. Januar als «Bächtelistag» bekannt. Seit 1645 werden an diesem Tag traditionell die Neujahrsblätter ausgegeben — kunstvoll gestaltete Drucke, die früher von Kindern gegen Geld und Gaben abgeholt wurden. Die Zentralbibliothek Zürich pflegt diese Tradition bis heute.
Bärzeli in Hallwil
In Hallwil im Kanton Aargau wird am Berchtoldstag eine vorreformatorische Tradition lebendig gehalten: Verkleidete und maskierte Gestalten ziehen lärmend durch die Strassen und vertreiben symbolisch das Böse des alten Jahres. Der Brauch erinnert an die winterlichen Perchtenläufe des Alpenraums.
Zunft- und Vereinsanlässe
In vielen Deutschschweizer Gemeinden ist der Berchtoldstag ein Tag der Geselligkeit: Zunftessen, Vereinsversammlungen und Neujahrsempfänge finden statt. Mancherorts gibt es die traditionelle «Bächtelswurst mit Bächtelsweggen» — eine kulinarische Spezialität, die es nur einmal im Jahr zu essen gibt.
Wussten Sie schon?
Der Berchtoldstag ist ein Schweizer Börsenfeiertag — die SIX Swiss Exchange bleibt am 2. Januar geschlossen. Arbeitsrechtlich hat das allerdings keine Bedeutung: Nur weil die Börse zu ist, heisst das nicht, dass Arbeitnehmer automatisch frei haben.
Und: Manche assen am Berchtoldstag traditionell so reichlich, dass sie nur noch «biisten und bäärze» (ächzen und stöhnen) konnten — was einer der vielen Erklärungsversuche für den Mundartbegriff «Bärzelistag» ist.